Produktentwicklung für Senioren: Klarheit statt Stigmatisierung

Ergonomische Fernbedienung eines Treppenlifts für Bruno

Die Senioren heutzutage entsprechen schon lange nicht mehr dem Bild der gebrechlichen Geraniumzüchter. Sie leben länger, sind selbstständiger, aktiver und können auch bei den digitalen Medien gut mithalten. „Es gibt, auf jeden Fall in Europa, einen deutlichen Wandel, wie ältere Leute mit Produkten umgehen“, sagt Marcel Plug, Designer Look & Feel bei MMID. „Trotzdem fordert das Entwickeln für diese Zielgruppen eine eigene Herangehensweise. Keep it Simple ist hierbei der Leitfaden.“

MMID hat innerhalb der letzten 25 Jahre viel Erfahrung gesammelt bei der Entwicklung von Produkten für Ältere. So entwickelten wir einen Alarmsender, verschiedene Treppenlifte, eine Ein- und Ausstiegshilfe für Autofahrer und digitale Leselupen. Vor Kurzem bat das amerikanische Unternehmen Bruno, MMID eine ergonomische Fernbedienung zu entwickeln, die zu der gesamten Produktlinie der Treppenlifte passt.

Kris Lampe, Senior Electrical Engineer bei Bruno, ist glücklich mit dem neuen Entwurf: “Entscheidend für den Erfolg war die enge Zusammenarbeit zwischen Bruno, MMID, den Endnutzern und allen anderen Interessensvertretern. Die neue Fernbedienung hat sich erfolgreich auf dem Markt etabliert.”

Der Seniorenanzug

Bei der Produktentwicklung ist der Endnutzer immer einer der Ausgangspunkte: Wer ist der Nutzer und wie geht er um mit dem Produkt, in diesem Fall eine Fernbedienung. „MMID war immer sehr interessiert an dem Feedback der Nutzer. So wurde ein erster Prototyp direkt gemeinsam mit einer Nutzergruppe getestet. Das Design wurde danach noch mal angepasst und die Ergonomie der Fernbedienung verbessert.“ Marcel: „Ab ca. 60 Jahren hat man weniger Kraft im Handgelenk und Fingern. In der Konzipierung der Interaktion muss man also davon ausgehen, dass die Gesten einfach und nicht zu groß sein dürfen. ” Um selber zu erfahren, welche Bewegungsabläufe, -freiheiten und Kräfte jemand mit 60 hat, arbeitet MMID mit einem sogenannten „Seniorenanzug“. Dieser Anzug besteht aus einer Weste, Handschuhen, Knöchel- und Ellenbogengewichten und simuliert damit die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten und schwergängige Gelenke.

Intuitiv

Des Weiteren ist es bei der Entwicklung für Ältere wichtig, dass die Handhabung intuitiv verstanden wird. “Wir haben uns entschieden für zwei große Knöpfe, mit denen der Lift, hoch und runter bewegt werden kann. Der Kraftaufwand und die Gefahr einer Fehlinterpretation ist dabei minimal. Da beide Knöpfe miteinander Verbunden sind, ist sofort deutlich wie die Bedienung funktioniert. Zusätzlich ist die gesamte Fernbedienung deutlich kleiner geworden, was der Handhabung zugutekommt.“ Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen der alten und neuen Fernbedienung, meint auch Kris. „Das Design und die Ergonomie wurden deutlich verbessert. Zusätzlich verfügt das neue Modell über ein LED Licht.“

Kontrast

Neben der abnehmenden Muskelkraft ist die eingeschränkte Sicht auch ein Thema, auf das man als Entwickler für Ältere achten sollte. Die Nutzung von starken Kontrasten ist hierbei oft schon die halbe Miete, erklärt Marcel. „Der stärkst Kontrast erreicht man mit Schwarz-Weiß. Innerhalb dieses Produkts haben wir uns für eine etwas sanftere Optik entschieden: Weiß und Grau. Damit gleicht sich das Design etwas mehr an die Inneneinrichtung der Endnutzer an. Dies ist jedoch nicht immer gewünscht. Die Balance der Kontraste muss die Funktion des Produktes unterstützen und dem Nutzer helfen die Handlung zu verstehen.“

Stigmatisierend

Produkte der letzten Jahre haben gezeigt, dass Designer manchmal die Vereinfachung von Produkten für Ältere etwas übertrieben haben, sagt Marcel. Inzwischen gab es jedoch schon eine Veränderung in der Art und Weise in der Ältere Produkte handhaben. „Selbstverständlich achten wir auf die ergonomischen Gegebenheiten, aber ‘Fisher Price‘ ähnliche Produkte, führen zu einer Stigmatisierung der Zielgruppe. Inzwischen sind die meisten Älteren auch mit der Digitalisierung von Produkten vertraut. Sie kennen sich aus mit Smartphones und Tablet-PC. Auch hier gilt es wieder die richtige Balance zu finden. Man kann auch nicht einfach einen Touchscreen nutzen und erwarten, dass die Bedienung direkt verstanden wird.“

Sauber und großzügig

„Als Entwickler sollte man wissen was ältere Leute können, wenn es um die Bedienung und das räumliche Vorstellungsvermögen geht. Die Gesten, Form und das Volumen sollten daher großzügig angelegt sein. Da die Motorik eingeschränkt ist, eignen sich z. B. Steuerungen mit einer doppelten Funktion schlecht. Die Steuerung sollte sauber bleiben, das heißt nicht Zuviel Informationen auf einmal. Die Hauptfunktion des Produktes sollte eindeutig sein“, sagt Marcel.

Länger selbstständig

Entwicklungen für Ältere passt gut zu der Philosophie von MMID, da wir uns generell erst mal auf die Hauptfunktion eines Produktes konzentrieren. Der Nutzer ist dabei der Wegweiser, wie etwas benutz werden sollte. „Erzähl uns Deinen Schmerz und Deine Wünsche und wir entwickeln ein Produkt, das Deinen Kunden glücklich macht.“, sagt Marcel. „Das ist die Belohnung unserer Arbeit. Wir schaffen einen Mehrwert durch Produkte zu gestalten die anderen helfen und die Selbstständigkeit unterstützen. Ältere sind oft froh, wenn Sie länger selbstständig bleiben können. Das macht uns glücklich.“